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Was ist eigentlich „deutsch”?

Quergedanken im Januar 2016 von Andreas Pecht

 

Quergedanken - von Andreas PechtWie es Ihnen/Euch 2015 ergangen  ist, weiß ich nicht. Mir jedenfalls war vor allem die zweite Hälfte zum Schwindlig-werden unbegreiflich. Es ist blöd, wenn das Land über Nacht in den Kriegszustand versetzt wird und unsere Wehr gegen den Feind zieht – just mit der gleichen Strategie, die neulich erst zum Gegenteil des Gewollten führte. Gibt es denn in Berlin niemanden vom Fach? Wenigstens ein, zwei gelernte Generäle*innen? Es entspräche doch auch nicht deutscher Manier, Gewehre zu bauen, die um die Ecke schießen oder beim Autoverkauf zu betrügen wie die Beutelschneider auf dem Schwarzmarkt von Dschabakir.

 

Vollends irre wurde es, als sich überall Geschrei erhob zur Verteidigung deutscher Werte, gar des deutschen Wesens. Habe ich nicht kapiert, weil mir keiner erklären konnte, was das ist: deutsch. Es gibt so eine scheinernsthafte Definition von Nation mit drei Säulen: gemeinsame Sprache, Geschichte, Kultur. „Gemeinsames Blut hast du vergessen”, knurrt Freund Walter, der neuerdings stets seinen knorzigen Wanderstock mit vor die Tür nimmt. Kühle Antwort auf die Frage, was das soll: „Wenn braune Saubanden marodieren, werde ich nicht die andere Wange hinhalten!” Auf meinen Bescheid, das sei übertrieben, meinte er: „Der deutsche Schoß ist recht fruchtbar wieder, aus dem das schon einmal kroch.”

 

Mal ernsthaft: Wie ist das mit den drei Säulen? Wer durchs Land geht, könnte als augenfälligste Aspekte deutscher Kultur notieren: McDonalds, Döner, Pizza, Gewerbegebiete, Werbe-Kultur, Auto-Kultur, Smartphone-Kultur… Wer der „deutschen” Wirtschaft auf den Zahn fühlt, findet zuhauf internationale Eigentumsverhältnisse. Wer „deutsches” TV durchzappt, landet in einer Multikulti-Welt mit US-Übergewicht und Schwachsinns-Schlagseite. Ja aber, die klassischen Künste! Ach was, die sind von jeher nicht deutsch, sondern international. Moliere, Shakespeare, Ibsen, Tschechow etc.: alles Ausländer. Rembrandt, Raffael, Rubens, Picasso und Co.: Ausländer. Vivaldi, Verdi, Tschaikowski, Smetana...: dito.

 

Auf „gutbürgerlichen” Speisekarten findet man Kartoffeln, Pommes Frites, Nudeln, Knödel, Wein, Schnaps: alles nicht-deutschen Ursprungs. So auch die meistgetragene Hose hierzulande, die Jeans. „Echte” deutsche Männer müssten nach germanischer Tradition eigentlich Röcke tragen. Sag das mal jemand den geschichtsvergessenen Glatzen und dem Mannhaftigkeits-Prediger von der AfD! Doch selbst die Germanen, diese Urdeutschen, waren in Wahrheit Migranten, sind einst von Nordosteuropa her eingewandert.

 

Nehmen wir fürs Rheinland dazu, was Zuckmayer in „Des Teufels General” erklärt: „Jetzt stellen Sie sich mal Ihre Ahnenreihe vor. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. (...) Und dann kam ein griechischer Arzt, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein Schwarzwälder Flözer, ein Magyar, ein Pandur (...) – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg. Es waren die Besten, mein Lieber! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben.” Was also, in der Götter Namen, ist deutsch? Sprache? Die zu verstehen und verständlich zu sprechen, kann jeder lernen – außer Bayern und Sachsen vielleicht.

 

Der Autor im Internet: www.pecht.info



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