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Brauchtumspflege im Schlamassel

Quergedanken im Dezember 2018 von Andreas Pecht

 

Quergedanken - von Andreas Pecht

Da schimpfen manche über die seit den 90ern sich ausbreitenden Halloween-Bräuche als „Unsinns-Mode aus Amiland“. Oder sie wettern gegen „heidnische Umtriebe“ am Vorabend von Allerheiligen. Freund Walter grummelt: „Was willst du jetzt mit Halloween, das ist doch rum?“ Ei guck, das kommt nächstes Jahr wieder und somit auch die Meckerei – obwohl sich allmählich herumgesprochen haben sollte: Halloween stammt aus Irland, ist dort seit Jahrhunderten tief verwurzelt im katholischen Volksbrauchtum. Über das 19. Jahrhundert hatten hunderttausende irische Hungerflüchtlinge ihr traditionell recht übermütiges Geister- und Totenfest mit in die USA genommen, von wo es jüngst ins alte Europa zurückgeschwappt ist.

 

Und wie das so geht bei vielen unserer Festtage, seien sie vermeintlich christlichen oder neuzeitlich-weltlichen Ursprungs: Näheres Nachforschen fördert meist noch deutlich ältere Wurzeln zutage, an die sich die späteren Kulturen mit eigenen Erzählungen und Riten angehängt haben. Das gilt für Weihnachten, Ostern, Pfingsten, für St. Martin und Nikolaus, für sämtliche Lichtfeste, Erntedank- und Mittsommerfeiern, natürlich für die Fastnacht und eben auch für Halloween. Sie alle haben Vorläufer in meist jahreszeitlichen Bräuchen germanischer, keltischer oder noch älterer Bauerngesellschaften. 

 

Walter ist genervt von Halloween. Denn er wohnt in der Stadt, wo zu Scheintoten entstellte Kindlein haufenweise herumgeistern. Die läuten ihm die Türklingel heiß, drohen „Süßes oder es gibt Saures!“. Dass juvenile Erwachsene obendrein mit trunkenem Lärmen und bisweilen recht robustem „Schabernack“ die Umgebung überziehen, macht die Sache für ihn kaum angenehmer. Mich stört das Halloween-Gedöhns nicht weiter. Die vier oder fünf kleinen Gespenster, die hier auf dem Dorf den Weg zu mir finden, tun nur Gutes: Was sie an Schokolade abstauben, kann ich mir nicht mehr auf die Wampe futtern. 

 

Mir geht etwas anderes auf den Keks. Neuerdings gibt es mords Aufregung, wenn irgendjemand  den St. Martins-Umzug bloß Laternenzug oder gemäß dem alten Lied „Laterne, Laterne“ eben Sonne-Mond-und-Sterne-Fest nennt, den Weihnachtsmarkt Wintermarkt, oder Weihnachten auch als Mittwinter respektive „Fest der längsten Nacht“ bezeichnet. Mal davon abgesehen, dass keine dieser Begriffsvarianten sachlich falsch ist und fast jede sich ebenfalls auf uralte Gebräuche beziehen kann: All diese Traditionen werden doch in Wahrheit durch etwas ganz anderes nachhaltig  beschädigt – durch die brachiale Verwandlung jedweden Volksbrauchtums in banalste Kommerz-Events.

 

Da ruft ein großes Gewerbegebiet mit opulentem Werbe-Tamtam einen „St.-Martins-Markt“ aus. Und niemand regt sich auf, obwohl das nur Halligalli zum Zwecke des Verkaufens, Verkaufens, Verkaufens ist. Auch die Waren-Orgien unterm Weihnachtsbaum haben längst Ableger gebildet hin zu Silvester, Fastnacht, Ostern, zu Mutter- und Vatertag etc. Der hiesige „Markt“ wird sich auch die Waldpurgisnacht greifen, noch bevor heutige Hexenweiber das Besenreiten wieder gelernt haben. Er hatte Halloween schneller vereinnahmt, als die Kids ihre Drops lutschen können. Würde man das kürbisbeleuchtete Gespensterfest auf seine hierzulande dereinst mit ausgehöhlten Rüben begangenen Verwandten zurückführen: Die Werbewirtschaft fände gewiss sogleich einen Weg, die gute alte Runkelrübe zum Zentrum eines stylischen – umsatzsteigernden – Trends aufzumotzen.

 

Der Autor im Internet: www.pecht.info



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