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Wir müssen reden! Doch mit wem worüber?

Quergedanken im Mai 2022 von Andreas Pecht

 

Andreas Pecht

Ein Gespenst geht um – das Gespenst der Gesellschaftsspaltung. Und – nie scheint der 68er-Spruch richtiger gewesen als heute: Das Politische ist immer auch privat und das Private politisch. Denn sämtliche bedeutenden Fragen der Gegenwart betreffen nicht nur Regierungen, befeuern nicht nur Stammtischpallaver. Vielmehr wirken Klimawandel, Corona, Ukraine-Krieg, Fluchtbewegungen, Plastikverseuchung, Artensterben, Reichtumskluft, Inflation etc. sich selbst auf hiesige Küchen, Klos und Heizkörper aus. Ja sie berühren spürbar das ganze persönliche Alltagsverhalten bis hin zum Umgang mit dem Heiligsblechle.

 

Walter winkt ab: „Das war doch immer so – Spaltung in arm/reich, interessiert/gleichgültig, solidarisch/egoistisch, gebildet/ungebildet, vorurteilsarm/vorurteilsreich. rassistisch/humanistisch. Nur stießen die Gegensätze früher nicht so häufig direkt aufeinander wie im krawalligen Internet. Die Bubbels damals waren Wohnsiedlungen, Milieu-Wirtshäuser, gleichartige Bekanntenkreise. Man blieb unter sich und ging den Anderen gewöhnlich aus dem Weg." In dieser Sache liegen der Freund und ich auseinander. Einigen können wir uns noch, dass man nicht mit jedem ein liebenswürdiges Miteinander pflegen muss. In vielen Fällen würde es reichen, nebeneinander zu leben und einander zu ignorieren. Aber, so mein Ansatz: Über ein paar Aspekte des Zusammenlebens und Gemeinwohls müssen alle miteinander reden, sich irgendwie verständigen. Was indes leichter gesagt ist, als getan. So mancher Verständigungsversuch lag gerade in jüngeren Jahren schon nach wenigen Sätzen mausetot in den Binsen.

 

Gespräch über Maßnahmen für den Klimaschutz. Reaktionen: „Alles Quatsch" oder „menschengemachten Klimawandel gibt es gar nicht" oder „Erfindung der geheimen Weltregierung, alles gelogen". Dies oft verbunden mit der Aufforderung „Informier dich mal richtig! Und zwar nicht bei Lügenpresse und Lügenwissenschaft." Gespräch über Corona-Seuche und Impfen. Reaktionen: „Diese Seuche gibt es nicht; nur Lüge, um das Volk kirre zu machen. " Oder „Covid ist eine Krankheit wie jede andere." Oder „Maskenpflicht ist Terror und an den Impfwirkungen sterben viel mehr Menschen als an der Krankheit selbst." Danach wieder die Aufforderung, sich mal mal richtig zu informieren. Gespräch über Putins Angriff auf die Ukraine. Reaktionen: „Antifaschistischer Befreiungseinsatz"; oder „Putin wurde vom Westen in diesen Krieg gezwungen"; oder „unfassbare Gräuel ukrainischer Truppen". Und erneut der Hinweis, man dürfe sich von den Westmedien nicht hinters Licht führen lassen.

 

Wie und was soll man mit der hierzulande kleinen Minderheit solcherart Strenggläubiger noch reden? Zumal: Man muss den Westen nicht heiligsprechen und die Westmedien nicht für unfehlbar erklären, um zu erkennen, dass die von den Gläubigen angegebenen „alternativen Quellen" nichts anderes sind als ein pseudowissenschaftliches Panoptikum aus Kaffeesatz, Glaskugel, Mythen, Tatsachenverdrehung/-fälschung oder Propaganda – sehr vieles davon wie aus einem anderen Universum. Walter nickt: „Sag ich doch, sinnlos. Du diskutierst ja auch nicht mit Leuten, die der festen Überzeugung sind, die Erde sei eine Scheibe oder Gott habe Geologie, Flora und Fauna des Planeten vor 5000 Jahren genau so geschaffen wie sie heute sind." Mag sein, der Freund hat diesmal doch recht: Manche Spaltungslinie ist wohl einfach nicht überbrückbar.



Der Autor im Internet: www.pecht.info

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