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Zur Ehrenrettung der Wetterfrösche

Quergedanken im Februar 2026 von Andreas Pecht

 

Andreas PechtIch muss mal eine Lanze brechen für die ernsthafte meteorologische Zunft, die uns in seriösen Medien das Wetter vorhersagt. Herrgott, was wurde sie jüngst wieder bekrittelt, beschimpft, niedergemacht. Warum? Weil in der ersten Januarhälfte jene große Winterkatastrophe ausblieb, die sie angeblich prognostiziert hatte. Hatte sie das überhaupt? Oder waren es doch eher Nichtmeteorologen in TV-Magazinen, Boulevardblättern und in den sowieso sensationslüsternen Netzwerken, die aus eigentlich soliden Unwetterwarnungen partout Katastrophenerwartungen stricken mussten?


Wettervorhersagen sind Wahrscheinlichkeitsrechnungen auf Basis der beobachteten Entwicklungen in der Atmosphäre unserer ozeanischen und kontinentalen Umgebung. Je näher sie zeitlich und örtlich dem Vorhersagegebiet liegen, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass das prognostizierte Wetter eintritt. Je weiter entfernt, umso niedriger die Prognosesicherheit. Das ist Meteorologenhandwerk. Freund Walter brummt: „Interessiert viele Leute nicht. Die verlangen von ihrer Wetterapp, am ersten Tag des Monats zu erfahren, ob es am 15. um 18.04 Uhr bei ihnen in Pusemuckel regnet. Wenn sie entgegen einer vagen Langzeitvermutung hier doch nass werden, und nur der Nachbarort Sonne hat, gibt's Haue für die Wetterfrösche."


Wettervorhersagen sind dank Wissenschaft und Technik deutlich besser geworden. Zugleich indes hat sich im Publikum eine irre Erwartung auf schiere Unfehlbarkeit breitgemacht. Andererseits wird gemault, wenn man trotz Unwetterwarnung pünktlich zur Arbeit kam, nicht sechs Stunden im Schneestau auf der A1 steckte, nicht wegen Blitzeis daheim bleiben musste. „Man nennt es Winter" kanzeln dann Oberschlaue die Unwetterwarnungen ab – und schieben oft mit „wir haben früher..." Erinnerungen an robustere Lebensart in noch nicht klimagewandelten Wintern der 1950er/60er nach. Rasch grassiert auch die Frage: „Können wir Winter noch?" Nein, selbst Wintereinbrüche von nur mittelmäßiger Heftigkeit können wir in Tälern, Flachlagen und urbanen Ballungsräumen natürlich nicht. Das sind wir nicht mehr gewohnt und darauf infrastrukturell nicht mehr eingerichtet.


Es sind heute viermal mehr LKW auf den Straßen als vor 70 Jahren. Unser Straßennetz ist viele hundert Kilometer umfänglicher. Millionen Menschen haben erheblich weitere Fahrwege zum Arbeitsplatz als dunnemals. Zehntausende Schüler, die 1960 noch zu Fuß in ihre Dorfschulen kamen, müssen jetzt in Mittelpunktschulen kutschiert werden. Das nächste Geschäft liegt vielerorts nicht mehr um die Ecke, sondern kilometerweit entfernt. Inzwischen sitzt eine ganze Generation von Autofahrer*innen hinterm Steuer, die kaum oder gar keine Erfahrungen mit richtigem Straßenwinter haben. Die Bahn ist auf Geschwindigkeit getrimmt, nicht auf Robustheit. ...


Kurzum: „Wir haben früher" sind unnütze Narrative zur Beurteilung der heutigen Situation in der ungeheuer mobilen, deshalb aber auch schon für kleine Störfaktoren enorm anfälligen Gesellschaft. „Dafür können die Wetterfrösche nix", knurrt Walter. Stimmt. Dennoch sind Gefährdungspotenziale für den Normalbetrieb des hiesigen Lebens ein wichtiges Kriterium der Meteorologen für die Herausgabe einer Unwetterwarnung. Danke, liebe Wetterfrösche, für eure Hinweise auf das, worauf ich mich einrichten sollte, weil es mit erhöhter Wahrscheinlichkeit eintreten könnte – auch wenn es nicht immer und überall so eintreten muss.

 

Der Autor im Internet: www.pecht.info

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